Jede verkaufte Kette zählt

Umstellung auf Friedensproduktion, Produkterweiterungen und -experimente, Beginn der Kettenproduktion, Aufstellung als Familienbetrieb: Die „Wilden Zwanziger“ machen ihrem Namen auch bei iwis alle Ehre. Denn nicht nur Deutschland ist nach dem Ersten Weltkrieg in einem konstanten Zustand der Unsicherheit und Krise. Auch iwis ringt zwischen den beiden Weltkriegen um Stabilität. Das Unternehmen ist auf der Suche nach einem tragfähigen Geschäftsmodell.

Das Ende des Ersten Weltkriegs markiert den Beginn eines neuen Selbstfindungsprozesses im Hause iwis. Mit Beginn des Jahres 1920 vollzieht sich die Umwandlung der „Johann Winklhofer – Maschinenfabrik“ in die offene Handelsgesellschaft „Joh. Winklhofer & Söhne OHG“ und zum Familienbetrieb. Johann Winklhofers Söhne Hans (1887 – 1933) und Fritz (1888 – 1972) treten als Gesellschafter in das Unternehmen ein und unterstützen ihren Vater mit technischem und kaufmännischem Know-how. Fritz übernimmt bei iwis die Vertretung von Continental-Schreib- und Rechenmaschinen. Hans steigt nach seinem Frontdienst und einem mehrmonatigen Engagement bei den Wanderer-Werken als Ingenieur ein. Die Säulen Fertigung und Vertrieb bleiben prägend für die 1920er-Jahre bei iwis. Vor allem die vier Vertriebsabteilungen von Wanderer-Produkten tragen zum Umsatz bei.

1923 beginnt iwis mit der Fahrradkettenproduktion, zeichnet sich aber auch sonst durch ein vielseitiges Produktportfolio aus. Anwender von verstellbaren Schraubenschlüsseln, Fahrradsatteln, Ölpumpen, Luftpistolen, Riemenschlösser, Steuersperren, Haubenhaltern und Nietenziehern werden bei iwis fündig.

iwis plant sogar die Entwicklung von Kühlschränken, legt das Vorhaben aber schnell wieder auf Eis.

Not macht beharrlich

Das heterogene Geschäftsmodell zündet nicht. 1926 steht der Betrieb wegen Auftragsmangels sogar eine Weile still. Dafür kommen die jüngeren Winklhofer-Brüder Rudolf (1890 –1977) und Otto (1900 – 1990) dazu. Sie treten als Kommanditisten in die jüngst umgewandelte Kommanditgesellschaft ein, übernehmen aber noch keine größeren Aufgaben im väterlichen Betrieb.

Otto versucht sich auf Anregung seines Vaters als Vertreter. Und beweist Talent. Mit seinem Fahrrad fährt er die Münchner Händler ab und bringt die iwis-Ketten beharrlich an den Mann. In schwierigen Zeiten zählt schließlich jede verkaufte Kette. Doch Otto hält es nicht lange in Bayern. Bei den Wanderer-Werken übernimmt er den Auto-, Motorrad- und Fahrradvertrieb in Süddeutschland. Auch Rudolf sammelt zunächst Berufserfahrungen in Chemnitz. Noch hat Johann Winklhofer bei iwis das Sagen. Und das Nachsehen. Der nächste Tiefschlag ist nicht weit.

1929
reißt die Weltwirtschaftskrise neue Löcher in Kasse und Belegschaft. Die Zahl der Mitarbeiter sinkt erstmals seit 1919 wieder auf unter 100. Bis 1932 schreibt iwis rote Zahlen. Nur das Reparieren von Motorrädern und der Verkauf von Einzelteilen rechnen sich. Um die Verluste zu kompensieren, baut Johann Winklhofer die Kettenherstellung aus. Sie wirft trotz Rezension Gewinne ab. Und er experimentiert immer wieder mit neuen Produkten. 1932 löst Johann Winklhofer die Vertriebsabteilungen für Wanderer-Automobile und -Motorräder auf. 1933 wird auch der Verkauf von Wanderer-Schreib- und Rechenmaschinen eingestellt.

Die nächste Generation

Auch der Familie stehen massive Umbrüche bevor. Hans Winklhofer stirbt 1933. Fritz Winklhofer macht sich im gleichen Jahr selbstständig und zieht sich aus dem operativen Geschäft zurück. Otto Winklhofer, der sein Studium an der Hochschule für Landwirtschaft und Brauerei in Weihenstephan absolviert hat, verwirft seinen Traum vom eigenen Gutshof endgültig. Er übernimmt fortan Verantwortung im Unternehmen. Seinen Bruder Rudolf Winklhofer, ein studierter Maschinenbauer, gewinnt er 1934 als Technischen Leiter für das Unternehmen. Er wird die treibende Kraft bei der Kettenentwicklung der nächsten Jahre sein.

Die nächste Winklhofer-Generation steht bereit. Noch ahnen sie nicht, welch’ dunkles Kapitel Deutschland bevorsteht.

iwis 100 Jahre