Ein letztes Telefonat

Was tut ein erfolgreicher Firmengründer mit gesundem Geschäftssinn und einschlägiger Erfahrung in der Munitionsherstellung im Jahr 1916? Er findet einen geeigneten Standort und gründet im Anbruch des Ersten Weltkriegs ein neues Unternehmen. Lange gefackelt wird dabei nicht.

Am 6. Dezember 1916 kauft Johann Baptist Winklhofer für 305.000 RM das Areal der stillgelegten Möbelfabrik Kehrer & Söhne in Münchens ehemaliger Forstenriederstraße 53, heute Albert-Roßhaupter-Straße. Bereits am 7. Dezember ist seine „Johann Winklhofer – Maschinenfabrik“ ins Handelsregister eingetragen.

Unternehmenszweck ist die Herstellung von Haubitzenzündern für das Königliche Hauptlaboratorium in Ingolstadt. Für Johann Baptist Winklhofer keine unbekannte Institution. Ab 1874 verbrachte er dort neun Jahre seines frühen Arbeitslebens als Dreher.

Unterstützung aus Chemnitz

Beim Aufbau seiner neuen Firma helfen auch die guten Verbindungen zu den Wanderer-Werken in Chemnitz. Johann Baptist Winklhofer hält dem Unternehmen als technischer Berater des Aufsichtsrates immer noch die Treue. Aus Chemnitz kommt finanzielle und personelle Unterstützung. Tüchtige Fachkräfte der Wanderer-Werke helfen beim Aufbau des Rüstungsbetriebs.

Im August 1917 läuft die Herstellung der Haubitzenzünder an. Die Maschinenfabrik macht Gewinn. 1918 zählt sie 288 Mitarbeiter, die bis Kriegsende über 400.000 Zünder produzieren.

Hinfallen und aufrappeln

Dann kommt der wirtschaftliche Einbruch. Im Dezember 1918, nur zwei Jahre nach Gründung seiner Firma, kündigt Johann Baptist Winklhofer seiner gesamten Belegschaft zum 1. Januar 1919. Er folgt damit einer Anordnung des Demobilmachungs-Kommissars zur sofortigen Schließung aller Rüstungsbetriebe.

Doch Johann Baptist Winklhofer lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Er verwirft den Schließungsgedanken und stellt den Betrieb auf Friedensproduktion um. Einmal mehr setzt er auf die Wanderer-Werke. Doch in Chemnitz zögert man. Die Direktion der Wanderer-Werke rät ihrem ehemaligen Geschäftsführer zur Aufgabe seiner neuen Fabrik.

Für einen Vorwärtsstrebenden wie Johann Baptist Winklhofer ist das keine Alternative. Er greift nach seiner Rückkehr aus Chemnitz ein letztes Mal zum Telefon.

Dieses Mal hat sein Bitten Erfolg. Ein Auftrag über 15 Schraubenautomaten im März 1919 sichert die Existenz seiner Maschinenfabrik und rettet einen kleinen Teil der Belegschaft.

Im Oktober 1919 zählt sie immerhin wieder 71 Mitarbeiter. Produziert werden nun Einzelteile für Schreibmaschinen, Motorräder und Automobile sowie Fahrradsättel.

Die Wanderer-Werke sind einziger Auftraggeber der Maschinenfabrik.

Die erste Krise ist überstanden. Johann Baptist Winklhofer ist wieder auf Vorwärts-Kurs. Seinem Retter bleibt er in Dankbarkeit verbunden und doch lockt ihn die wirtschaftliche Unabhängigkeit …

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