Der Traum vom eigenen Radl

Er sei fasziniert gewesen. So beschreibt iwis-Gründer Johann Baptist Winklhofer seine erste Begegnung mit dem Fahrrad, einem im Jahr 1869 tatsächlich noch recht „neumodischen Ding“. Fahren darf er das selbst gebaute Holzgestell eines Jungen aus der Nachbarschaft damals nicht. Er, den die Bewegung antreibt und der nach eigener Darstellung von Kindheit an ein Ausreißer ist, läuft nur sehnsüchtig neben dem Gefährt her.

1880 hat Johann Baptist Winklhofer, zu diesem Zeitpunkt arbeitet er bereits als Mechaniker in der Königlichen Geschossfabrik in Ingolstadt, eine weitere Begegnung mit dem neuen Vehikel. Er beschließt, sein Glück selbst in die Hand zu nehmen und baut sich aus Rohteilen kurzerhand ein eigenes Hochrad.

Mit 21 Jahren lernt Johann Baptist Winklhofer das Radfahren. Er ist damit nicht nur Teil einer neuen „Bewegung“ und eines neuen Lebensgefühls, das damals viele mitreißt: Es ist die Erfüllung eines Traums, den er später zum Beruf machen wird.

Noch in Ingolstadt begründet Winklhofer den ersten Velociped-Club der Stadt mit, und er zählt zu den Pionieren des Radrennsports. Sein erstes siegreiches Rennen bestreitet er 1881.

Es soll sich auszahlen. Ein Münchner Nähmaschinen- und Fahrradhändler stellt ihn 1884 als Fahrlehrer und Fahrradverkäufer ein. Winklhofer reist durchs Land: Lindau, Berchtesgaden, irgendwann auch Zwickau. Dort lässt er sich nieder, übernimmt eine bereits eingerichtete Fahrschule.

Sein Schüler Adolf Jaenicke wird nicht nur Winklhofers Freund und Schwager, sondern auch Geschäftspartner.

Im Februar 1885 erfolgt der Eintrag des „Chemnitzer Velociped-Depots Winklhofer & Jaenicke“ in das Handelsregister in Chemnitz.

In zwei bescheidenen Räumen setzen die beiden vorwärtsstrebenden Geschäftsgründer Räder instand und bauen neue. Zwei Schraubstöcke, eine Fußdrehbank und ein paar tausend Mark bilden ihr Startkapital.

1886 tauft Winklhofer sein Fahrrad augenzwinkernd „Wanderer“. Der Name, der Bewegung, Erholung und Freiheit verheißt legt den Grundstein für eine wegweisende Qualitätsmarke, die zu den größten Fahrradherstellern der Welt avanciert. Von Anfang an ist die Rollenkette das Kraftübertragungsmittel der ersten Wahl.

Das Fahrrad, ab 1892 ist es zunehmend das Niederrad, hat Hochkonjunktur. Seine Herstellung floriert. Zumindest bis zur Jahrhundertwende. Dann übersättigen amerikanische „Billig-Bikes“ den Markt. Die Wanderer-Werke stellen sich der Herausforderung und denken um. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, erweitern sie ihr Portfolio um neue Produkte – unter anderem Fräs- und Schreibmaschinen.

1902 zieht sich Johann Baptist Winklhofer mit 43 Jahren aus der Geschäftsleitung der 1896 gegründeten Aktiengesellschaft „Wanderer-Fahrradwerke, vorm. Winklhofer & Jaenicke in Schönau bei Chemnitz“ zurück. Der Traum vom Fahrrad ist zumindest wirtschaftlich ausgeträumt. Johann Baptist Winklhofer hat einen neuen Plan.

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